Michael Schober

ERP Systeme einst und jetzt

Sie brauchen ein ERP-System! – Was ist das?

Fast jedes Unternehmen verwendet heute bereits EDV für die Unterstützung der administrativen Arbeiten. Viele suchen nach neuen Systemen, weil ihre bestehenden schon in die Jahre gekommen, zuwenig integriert oder technologisch veraltet sind, die Hardware nicht mehr gewartet wird oder sie aufgrund des Unternehmenswachstums mit Word und EXCEL nicht mehr auskommen. Gleich aus welchem Grund: Spätestens dann werden Sie mit der ganzen Marketingmacht der EDV-Branche konfrontiert um zu erfahren: „Sie brauchen ein ERP-System!“ In meiner beruflichen Tätigkeit erreichen mich viele dieser Suchenden. In den persönlichen Gesprächen stellt sich oft heraus, dass außer dem EDV-Leiter nur wenige den Langtext zu „ERP“ kennen. Seien Sie beruhigt: Das ist keine Schande! Aber es ist gut etwas mehr zu wissen, wenn man vor einem solchen Auswahlprozess steht. Für jene KollegInnen habe ich in der Folge versucht, „ERP“ ein wenig zu erläutern.

Es war einmal,

als vor vielen tausend Jahren ein findiger haarloser Affe auf die Idee kam, einen runden Stein mit einer Achse zu verbinden. Dabei machte er auch – wahrscheinlich ohne sich dessen bewusst zu sein – die erste Stücklistenauflösung und Materialbedarfsplanung. Diese wurde kontinuierlich mit Erfindung der Schrift verfeinert und es dauerte bis zum 20ten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, bis wir mit dem Einzug der Computer in unsere Unternehmen nicht mehr händisch eine Materialbedarfsplanung machten, sondern einen „MRP starten“ durften. Das „M“ und das „R“ aus „Materials Requirements Planning“  wurde in den 1980ern-von Oliver Wight auf „Manufacturing“ und „Ressource“ neu gedeutet:

MRP-II … PPS … WAWI

MRP-II war eines der ersten erfolgreichen Schlagwort der Computergeschichte. Als Deutschland in der Computerindustrie eigenen Fuß fasste (erinnern Sie sich noch an Nixdorf und Kienzle?), wurde nach Produktions-Planungs- und Steuerungssystemen (PPS) Ausschau gehalten, während der Handel mit den kleineren Warenwirtschaftssystemen sein Auslangen fand. Finanzsysteme erhielten zeitversetzt, manchmal sogar nur monatlich und verdichtet, Daten aus den operativen Bereichen. Die Leistungsfähigkeit und Leistbarkeit der EDV-Systeme für mittelständische Unternehmen begrenzte das EDV-technisch Machbare. Oft wurden Kunden- und Lieferantenstammdaten in mehreren Systemen gepflegt. Es ging die Mär von Großrechnersystemen um, die in großen Konzernen schon alles integriert hätten – aber zu welchen Kosten! MRP wurde mit Mehr-Reports-Produzieren gedeutet.

CIM-Salabim

Um das Jahr 1990 experimentierte man an der Verwirklichung des Traumes vom Computer-Integrated-Manufacturing. Von der CAD-Zeichnung in das PPS und direkt in die Fertigung und wieder retour. Auch die universitäre Lehre erkannte die Notwendigkeit, Finanz und Technik schon in den Köpfen zu verbinden („Ohne Geld ka Musi’!“), und der IUCCIM-Lehrgang als übergreifende Kooperation zwischen Technischer- und Wirtschaftsuniversität wurde ins Leben gerufen.

Billige Computer = ERP für alle!

MRP-II als Absatzplanung mit Ressourcenabgleich, Net-Change und Engpassplanung musste Anfang der 1990er dem Enterprise Ressource Planning weichen. Im ersten Sinne des Begriffe eine ganzheitliche Planung inklusive der Geldmittel und Wertströme innerhalb des Unternehmens. Der wesentliche Schritt dabei war, dass nun auch die Finanzsysteme immer in Echtzeit mit den operativen Systemen integriert sind. Umsatzplanung und Budgetierung wird über Artikel- und Verkaufsgruppen sowie Prognosen aus Vergangenheitswerten heruntergebrochen bis auf Einzelartikel- und Kapazitätsbedarfe. Sollwerte und Planzahlen werden den entsprechenden Istwerte laufend gegenübergestellt. Bei Abweichungen sind sofort Gegenmaßnahmen zu treffen. Auch der „Geldlagerbestand“ wird mitgeplant. Die Controller hatten ihre Freude! Finanzbuchhalter mussten sich erst damit anfreunden, dass „IHRE Fibu“ nun Tag und Nacht von allen Mitarbeitern gefüttert wird.

Große Sorgfalt dringend erforderlich!

Aber die Einführung integrierter Systeme bedarf auch noch besserer und genauerer Projektplanung als früher. Es gibt keine Schnittstellen mehr für „ausbessern und abfangen von Fehlern“. Die erste Eingabe muss vollständig sein. Im Betrieb sind laufende Datenpflege und Richtigkeitskontrolle die Voraussetzung für das Funktionieren eines ERP. Aber das ist eine andere Geschichte …

Alles muss mit einem „e“ beginnen

Rasch wurden von findigen Herstellern ERP+E auf den Markt gebracht.  Das +E stand für „Elektronischen Datenaustausch“ mit Kunden und Lieferanten. So um das Jahr 2000 bekam jedes Wort ein „e“ vorgestellt! Das ERP System hatte Glück und ersparte sich ein zusätzliches „e“ – nur sein erster Buchstabe musste schrumpfen: „eRP“. Damit ist es vollbracht! Unser Höhlenmensch ist nun Vorstand der RAD AG und kann alle seine Lieferanten, Kunden und Banken zu einer Versorgungskette (Supply Chain) zusammenhängen. Derzeit muss er noch ein Customer Relationsship Management System (CRM) einführen, aber wenn das fertig ist und sich die Computer ganz alleine gegenseitig befüttern, dann kann er endlich …

… einer Beschäftigung nachgehen die ihm Spaß macht.

Vielleicht etwas handwerkliches? JA! – Da liegen zwei lustige runde Steine mit Loch am Golfplatz! Wenn er einen Ast durchsteckt kann er daraus ein nettes Spielzeug für seine Kinder basteln, das viel schöner und persönlicher ist als das Gerümpel von der RAD AG. Selbst Hand anlegen ist doch befriedigender als nur Zahlen schaufeln und Aktienkurse beobachten!

Ihr Michael Schober!

PS: Die Auflösung des Quiz aus 2006/02: Der Langtext zu „H-OmdbK!“ lautet: Helga-Oma macht den besten Kuchen!“.

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