Michael Schober

„Projekt?“ – „Ja, Leider!“

Die versprochene andere Geschichte

In der letzten Ausgabe durfte ich Ihnen, geschätzte LeserInnen, ein wenig über ERP-Systeme vermitteln. Der Absatz mit dem Titel „Große Sorgfalt dringend erforderlich!“ endete mit den Worten „Aber das ist eine andere Geschichte …“. Diese will ich gleich an dieser Stelle fortführen und mit Ihnen ein paar Gedanken zu den viel diskutierten (um nicht gehassten zu schreiben) EDV-Projekten wälzen.

8 Millionen Fachleute

Früher gab es in Österreich ca. 7 Millionen Trainer des Fußballnationalteams. Seit der PC in die Wohnzimmer Einzug gehalten hat ist die Bevölkerung angewachsen – auf ca. 8 Millionen PC-Spezialisten. Zumeist ist „der Computer“ nur der sehr praktische, weil wehrlose Sündenbock für ganz andere Schwächen und Fehler. Warum sollten Menschen sich bei ERP-Projekten also anders verhalten?

Brauchen wir nicht!
Es ist schon in Ordnung, wenn Sie bei Angeboten Positionen hinterfragen, um festzustellen, wozu diese gebraucht werden. Leider ist es durchaus häufig, dass der Auftraggeber nach der Erläuterung einzelne Positionen trotz Empfehlung drastisch kürzt oder gar ganz wegstreicht, weil er der Meinung ist, diese Leistung selbst erbringen zu können. Besonders beliebte Streichposten sind dabei die Konzeption und die Projektleitung, aber auch bei der Schulung wird gerne gespart. Kaum ein Lieferant bringt hier genügend Gegenwehr auf. Oft wird nur ein Vorbehalt im Vertrag eingebaut und dann das Problem einmal kommen gelassen. “Malen Sie Ihr Büro auch selbst aus, Herr Direktor?“ Wenige Kunden lassen sich überzeugen – und wenn, dann am besten von anderen Kunden, die diese Erfahrung schon hinter sich haben. Andere bleiben bei ihren Streichungen. Von der letzteren Sorte kenne ich persönlichen einen Fall, der sämtliche Projektleitung abgelehnt hatte: „Machen wir alles selber!“ Um die Wende zu erreichen, bewährte sich schließlich ein plastischer Vergleich mit aktuellem Bezug: Der Maler, an  dessen Leiter wir uns am Weg zur Krisensitzung vorbeizwängen mussten, legte mir unwissentlich die Worte in den Mund: „Sie kämen nie auf die Idee Ihre Büroräume selbst auszumalen, selbst wenn Sie es könnten! Warum wollen Sie dann ein EDV-Projekt nebenbei und selber leiten?“ Drei Tage später bekamen wir die Bestellung über Projektleitung und einen User-Jour-Fixe. Damit zeigt sich, dass bei einer guten Gesprächsbasis auch ein festgefahrenes Projekt gemeinsam wieder flott gemacht werden kann – wobei die Betonung auf gemeinsam liegt.

Was ist aber nun die Mitarbeit des Kunden?

Die drei wesentlichsten Aufgaben des Kunden in einem EDV-Projekt sind Entscheiden, Entscheiden und Entscheiden. Nichts verzögert Projekte so sehr wie nicht getroffene Entscheidungen. Ich habe bewusst nur Projekte geschrieben, weil sich diese Binsenweisheit wieder einmal nicht auf EDV beschränkt. 

Wer ist eigentlich der Lieferant eines ERP-Projekts?

So gut wie jeder Hersteller von ERP-Software versucht, über Marketing den Glauben zu festigen, dass mit SEINER ERP-Software alle Probleme von selbst gelöst werden. Ich hoffe mein eigener Lieferant verzeiht es mir, aber das wäre so, als ob Sie den Tischler für das Wohnzimmer Ihrer Träume nach seinem Werkzeugkasten aussuchen würden. Natürlich ist es wesentlich, dass er zuverlässiges und gutes Werkzeug hat, aber für das Ergebnis ist die Kreativität und das Einfühlungsvermögen des Tischlers in die Wünsche des Kunden hauptverantwortlich! Der Hobel hüpft nicht von alleine auf das Werkstück. Im ERP-Bereich wage ich zu behaupten, dass am Gelingen des Projektes zu maximal 30 % die zugrunde liegende Software und zu 70% die handelnden Personen verantwortlich sind. Gute ERP-Berater zeichnet neben Fachwissen und Erfahrung vor allem ihr Einfühlungsvermögen aus. Aber auch auf der Kundenseite sind die besten Köpfe gefordert, um den Erfolg eines Projekts zu garantieren. Wenn beide fair, transparent und ehrlich miteinander am Projekt arbeiten, dann ist der Erfolg fast nicht zu verhindern! 

Projektleiter statt „Projekt? – Leider!“

Wie in jedem Projekt sorgt ein starker und fachkompetenter Projektleiter dafür, dass alle Fäden an der richtigen Stelle zusammenlaufen. In der realen Welt sind das Ingenieure in ihren Fachgebieten und keiner würde einen Projektleiter, der auf Flusskraftwerke spezialisiert ist, im Flugzeugbau einsetzen. Warum machen sie es aber in EDV-Projekten? Fachkompetenz ist für den Erfolg zwingend erforderlich. Der gute ERP-Projektleiter sorgt dafür, dass Sie nicht zum Projekt­-Leider werden.

Ich freue mich wieder auf Ihre Leserbriefe und eMails!

Ihr Michael Schober!

PS: Danke für die zahlreichen Wortmeldungen zum Thema ERP – gewonnen hat Herr Mag. Ing. Christoph Katzensteiner von GATX Rail Austria.

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