Michael Schober

Lektor sein dagegen sehr!

… oder die Leiden des jungen Lektor

Aufmerksame Leser dieser Kolumne haben wahrscheinlich schon bemerkt, dass ich seit einem Jahr mein „ERP Selection and Implementation“ Wissen weitergeben darf. Wie im Titel angespielt, kam ich überraschend zu dieser ehrenvollen Aufgabe. Auslöser war, dass Ausbildungseinrichtungen von großen ERP Herstellern gesponsert werden. Mit einem Angebot den www.IT-Matchmaker.com in der Lehre zu nutzen, wollte ich ein wenig  objektives Gegengewicht einbringen. Nach dem Gespräch mit dem MWI-Institutsvorstand am Technikum Wien verließ ich sein Büro mit dem Lehrauftrag. Nach zahlreichen Fachvorträgen und meinem CabarERP dachte ich mir – in aller Bescheidenheit – „das kann ja nicht so schwierig sein. Und schon, war ich in unserem Bildungssystem nach Schüler, Vater und Elternvertreter nun in der Rolle des Unterrichtenden gelandet.

Die inhaltliche Vorbereitung …

… war noch eine leichte Aufgabe. Enthusiastisch machte ich mich daran die Unterlagen zusammenzustellen. Mit 35 Jahren ERP Projekterfahrung und dem Glück davon mehrere in englischer Sprache, war die Ausarbeitung für die ca. 50 StudentInnen aus UA, SRB, SK und AT kein wirkliches Problem. Um das Lernen möglichst aktiv zu gestalten ließ ich die sie in virtuellen Firmen die Rollen im Projektteam einnehmen und über die Kursdauer den Auswahlprozess in „ihrer“ Firma durchspielen.

Aha!? – Erlebnis im Hörsaal

Beim ersten Betreten des Hörsaales nimmt der „junge“ und naive Lektor an, dass Studenten deshalb hier sind, um sich Wissen anzueignen. Eine Annahme, die spätestens bei der zweiten Unterrichtseinheit zu bröckeln beginnt, wenn auf: „Any questions?“ die Gegenfrage „What will be the questions for the final exam?“ dominiert. Natürlich kennt der Lektor aus seinen anderen „Ichs“ die Sehnsucht den Prüfungsstoff zu kennen – aber: Das war ja Schule und jetzt ist ER der Wissensvermittler und idealistischer Junglehrer J. Eine erfahrenere Lektorin half mir mit der Antwort – „Ich sag‘ darauf: ALLES!“.

Die Moodle Selbsttests – wird ohne Benotung gelernt?

Nach ein paar technischen Hürden mit der Lernplattform Moodle (zu „browserbasierende Lösung“ schreibe ich den nächste Artikel) hatte ich die Selbsttests für die Studierenden eingerichtet. Darunter auch solche, mit denen ich versuchte durch offene Fragen mit jedem Einzelnen in einen Dialog zu treten und zum Nachdenken anzuregen. Leider gab die Mehrheit nur dann Antworten, wenn es dafür auch Noten gab. Bedauerlich, aber wenig verwunderlich –passend zum vorherigen Absatz. Was habe ich erwartet, wenn Menschen jahrelang im Schulsystem auf „Lerne für die Note!“ gedrillt werden? Ab dann hatte jeder Test eine Benotung. Irgendwie erinnerte es mich an die Sternchen in der Volksschule. Ja, es war zeitaufwendiger alles zu lesen und zu beantworten. Viele haben diesen Dialog überrascht aufgriffen und auch positiv honoriert „that’s differnt to other lessons!“. Leider gab es auch StundentInnen, die in mir echten Zorn aufkommen ließen und die Frage:

Ist Googelitis heilbar?

Wenn ein Student sonst nur gebrochenes Englisch hervorbringt, und dann schriftlich mit Formulierungen glänzt, die beim Lesen zu einem erstaunten „WOW!“ meinerseits führen, so ist das schwer verdächtig. Also nimmt man als Lektor wahllos einen der brillanten Sätze, sucht mit Google und findet mit 90% Sicherheit einen Artikel oder Blog eines Briten, Amerikaners oder Inders, der 1:1 dem Text des Studenten entspricht. COPY+PASTE-Studying! Nun könnte man honorieren, dass der Mensch den Text gelesen und dabei zumindest etwas gelernt hat. Aber wenn die vorgeblich eigene „highly sophisticated Answer“ knapp bis weit an der Frage vorbeischrammt, dann ist „100% finish with funny!!!“. Das passiert beim nächsten Kurs sicher nicht mehr! Da wird sinnlos meine Zeit verschwendet! Wen oder was soll ich da benoten? Aber …

… liegt die Wurzel des Übels tiefer?

Ist das, vor Jahrhunderten für das Militär entwickelte und für mechanistische Personalauswahl aufgegriffene, Notensystem schuld? Solange Dieselben, die bei dem Zitat „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen … sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ wässrige Augen bekommen, weiter das Notenschema als Naturgesetz betrachten, werden zu wenige Menschen die Sehnsucht nach „mehr Wissen“ entwickeln. Wir brauchen viele junge Querdenker die aktiv Zukunft gestalten! Deshalb sagt der alte Junglektor:

„Aus für Ziffernnoten – auch nach der Volksschule!“ Es ist zwar anstrengender, aber vielleicht ein Schritt in eine bessere Welt.

Ihr Michael Schober

PS: Die ERP-Studie 2014 hat begonnen – vergeben Sie wieder Noten 🙂 für Ihren ERP -Anbieter unter: www.trovarit.com/erp-praxis! Näheres in „Der Ingenieur“ 2012 Ausgaben 2,3 + 4. Und mein Lesetipp: Auf DerStandard.at suchen nach „Aus für Ziffernnoten“

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