Michael Schober

Wozu Konferenzen? Zum Networken!

Veranstaltungsinflation

Wer stöhnt noch nicht unter der Flut von Veranstaltungseinladungen, die unsere physischen und elektronischen Briefkästen füllen? Schon seit Jahren verschwinden Kuverts ungeöffnet im Papierkorb und werden Mails bestimmter Absender ungelesen gelöscht. Machen Sie eine typische Handbewegung: Ausschütteln des abonnierten Monatsmagazins über der Rundablage zur effizienten Entsorgung der um teueres Geld eingelegten Werbung.

Wenn man muß, dann muß man eben!

Aber es gibt doch die eine oder andere Konferenz, wo man hin muß – schließlich sind die eigenen Kunden dort, der Lieferant versichert glaubwürdig, daß man nur dort alles Wichtige erfährt und vor allem man kann dort exzellent Networken! Also bucht man die Konferenz zum Sonderpreis von nur US$ 1.000. Dann noch ein akzeptables Hotel und einen zuverlässigen Flug und um rund € 2.000 ist Mann+Frau dabei.

Vorher herausfinden wen man treffen könnte!

Bei diesen tollen großen Konferenzen gibt es im Vorfeld Internetportale, wo ich mein Profil hinterlege um für andere auffindbar zu sein. Nach Interessen und Angeboten. Die kommen dann auch prompt: Zahlreiche Angebote wo jemand was verkaufen möchte und schon suche ich nach der Robinsonliste! Natürlich klopfe auch ich bei ein paar von den 5.000 Teilnehmern elektronisch an! Man will schließlich nichts dem Zufall überlassen.

Die erste echte technische Hürde nehmen

Gemeinsam mit meinem Kunden fliege ich also nach Kopenhagen. Am Flughafen gibt es ein Shuttleservice zum Konferenzzentrum. Wir wollen aber zuerst ins Hotel – mit der U-Bahn. Eine Traube von gleichgesinnten EDV-Beratern, -Leitern und –Lieferanten aus aller Herren Länder versucht gemeinsam einem dänischen Fahrscheinautomaten das richtige Ticket zu entlocken. Gemeinsam wird das Scheitern eingestanden und ein Passant um Hilfe gebeten. Der weiht uns ein, daß die Bankomatkarte sehr langsam herausgezogen werden muß. Tröstend versichert er der geballt angesammelten EDV-ERP-Intelligenz, daß an diesen Automaten auch Dänen regelmäßig scheitern. Wir sehnen uns alle gemeinsam nach den mit Menschen besetzten Verkaufsschaltern – und fluchen über Automaten: „Überall gleich benutzerunfreundlich: Zürich, München, Wien, …“

Connectivity Immer und nach Überall

Endlich angekommen, also hinein in die Vorträge und ordentlich aufpassen! Die technische Ausrüstung im Konferenzzentrum ist perfekt: Hunderte PCs mit Internetzugang, Wireless-LAN, Arbeitsbereiche mit LAN-Kabeln, mehrere Drucker, Helpdesk falls man Konfigurationsprobleme hat. Alles da um mit der Außenwelt zu kommunizieren. Smartphone und PocketPC ist sowieso immer dabei! Mobileworker soweit das Auge reicht.

Pause = Zufallsbekanntschaften? Robinson trifft Freitag!

Zwischen den Vorträgen gibt es Gott sei Dank mindestens je 30 Minuten Pause um bei Kuchen und Kaffee schnell im Büro anrufen zu können oder Mails abholen, die dann während des nächsten Vortrages nebenbei gelesen werden. Das der nebenan stehende Mensch, den man vor ca. 10-15 Jahren noch freundlich angesprochen hätte, vielleicht DIE Lösung für unser Problem hat, finden wir nicht heraus. Das zwischen Achsel und Ohr eingeklemmte Handy – der Bluetoothkopfhörer ist leider gestern schon im Kaffee ersoffen, als wir nach dem Kuchen gegriffen haben – signalisert jedem „Ich bin zwar mit dem Körper hier, aber meine Gedanken eigentlich dauernd im Büro – red‘ mich bloß nicht an!“. Doch, doch ein paar exotische Verweigerer lehnen an Stehtischen und reden MITEINANDER! – Sehr verhaltensauffällig!

Aber zum Glück gibt es Abendveranstaltungen zum Networken!

Um unsere Konferenzzeit zu maximieren werden wir freundlicherweise fast jeden Abend noch zum Networken eingeladen. Da 5.000 Menschen nirgends gemeinsam hinpassen wird nach regionalen Kriterien vorsortiert. Somit finden sich jene Österreicher zum Erfahrungsaustausch, die man mit geringem Aufwand auch sonst jederzeit treffen könnte – wenn man wollte – wieder. Ein böser Mensch, der hier Assoziationen zu Bibione, Caorle, organisierten Maturareisen oder „Man spricht Deutsch“ wälzt. Der oftmals ausgebreitete Soundteppich trägt oft noch das Seine dazu bei, die vielgepriesene Kommunikation zu Schreiduellen auf 10 cm zu verwandeln.

e:Networking – d:Netzwerken – w/e:ned worken – w:ned orbeiten

Nach vier Konferenztagen beim Dösen am Rückflug zieht ein Gedanke durch meinen Kopf. Ob das Wort Networking nicht vielleicht Wiener Wurzeln hat und nur eine Verschleierung der Tatsache ist, daß man nicht arbeitet? „Ich fahre zum Networken dorthin!“ klingt doch viel besser als „I bin durt aber ned zum Orbeiten!“. Und diesmal wieder ein kleines Rätsel: Wofür stehen e: d: w/e: und w:? Man sieht sich bei der nächsten Veranstaltung!

Ihr Michael Schober!

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